Der Ruf

In jedem von uns ist eine seltsame und geheimnisvolle Sehnsucht, ein leises Echo.
Wir hören diesen Ruf oder hören ihn nicht, und manchmal kann das ganze Leben vorübergehen,
 ohne dass wir sein Wesen erkennen.
(Llewellyn Vaughan-Lee)

 

Mensch, ich rufe dich von weither,
rufe dich seit dem Anfang aller Zeiten,
rufe dich durch Jahrtausende, seit Äonen von Jahren –
rufe und rufe … seit jeher …
Sie ist Teil deines Wesens, meine Stimme,
Doch leise nur dringt sie zu dir,
und nur manchmal vernimmst du sie.
„Ich weiß nicht“, sagst du vielleicht. Aber irgendwo weißt du.
„Ich höre es nicht“, sagst du. „Was ist es, und wo?“
Doch irgendwo hörst du, und tief in deinem Inneren
weißt du. Denn ich bin, was schon immer in dir war.
Was nie enden wird in dir, bin ich.
Magst du auch sagen: „Wer ruft?“
Magst du auch denken: „Wer ist es?“
Wohin willst du laufen? Sag mir:
Kannst du vor dir selbst weglaufen?
Denn ich bin das Einzige für dich;
nichts anderes gibt es.
Dein Versprechen, deine Belohnung bin ich allein –
deine Sehnsucht und dein Ziel…

Anonymous
Die Leute sagen oft zu mir: „Bittet für mich!“
Dann denke ich: „Warum geht ihr aus?
Warum bleibt ihr nicht in Euch selbst
und greift in euer eigenes Gut?
Ihr tragt doch alle Wahrheit wesenhaft in euch.“
Meister Eckehart
Die Menschen sollten sich weniger Gedanken
Darüber machen, was sie tun sollten,
sondern mehr darüber nachdenken,
was sie sein sollten.
Meister Eckehart
Es ist eine große Schmach und Schande, dass ein Mensch
so viele andere Dinge kennt, sich selbst aber nicht.
Johannes Tauler
In Zen-Kreisen erzählt man die Geschichte von einem Mann und einem Pferd. Der Mann sitzt auf seinem geschwind dahingaloppierenden Pferd, und es hat den Anschein, als müsse er ganz schnell zu einer dringenden Verabredung. Am Wegesrand steht ein anderer Mann. Der ruft: „Wohin des Weges?“ Worauf der Reiter antwortet: „Keine Ahnung! Frag das Pferd!“
Thich Nhat Hanh
Die Dinge liegen in ihrem Gegenteil verborgen.
Und ohne die Existenz von Gegensätzen gäbe es für ihn,
der die Dinge einander gegenüberstellt,
keine Manifestation.
Alawi
Die Stille bedeutet mehr
als tausend Leben,
und diese Freiheit ist mehr wert
als alle Reiche der Welt.
Die Wahrheit in sich selbst erblicken,
nur für einen Augenblick,
gilt mehr als alle Himmel,
mehr als alle Weiten,
mehr als alles, was es gibt.
Rumi
Ein jeder taucht an einer anderen Stelle
in den Wald ein,
die er selbst gewählt hatte, dort,
wo es am finstersten war
und es weder Weg noch Steg gab.
Gralslegende
Weder Weg noch Steg!
Denn wo es einen Weg gibt,
ist es immer der Weg eines anderen.
Es ist, als ob dich ein König in ein fremdes Land schickt,
um dort eine Aufgabe zu erledigen.
Du gehst und erledigst viele andere Aufgaben,
aber diese eine, für die du entsandt wurdest,
erledigst du nicht.
Das ist so, als wenn du gar nichts getan hättest.
Rumi
Am Ende seines langen Lebens
sah sich Rabbi Joshua zu den Worten genötigt:
„In der kommenden Welt wird mich niemand fragen,
warum ich nicht Moses war.
Man wird mich fragen: „Warum warst du nicht Joshua?“
Ja, warum nicht?
Wer sich diese Frage stellt, hat seinen Ruf gehört.
Wer darauf reagiert, hat mit seiner Suche begonnen.
Anomymous
Halt an, wo läufst du hin? Der Himmel ist in dir!
Suchst du Gott anderswo, du fehlst ihn für und für.
Angelus Silesius
Die einzige Weisheit, die zu erlangen wir hoffen können,
ist die Weisheit der Demut. Die Demut ist grenzenlos.
T.S. Eliot
Was direkt vor unseren Augen liegt,
beibt am Anfang verschleiert.
Anonymous
Jesus sagt: „Das Reich Gottes ist mitten unter euch.“
„Wann wird das Königreich des Himmels kommen?“
„Nicht indem ihr darauf wartet“, antwortete Jesus.
„Denn der Himmel ist über die Erde ausgebreitet,
aber die Menschen sehen es nicht.“
Thomasevangelium
Man erreicht die Größe nicht,
wenn man sich nur seinen Impulsen hingibt,
sondern indem man geduldig die stählerne Mauer abfeilt,
die das, was man fühlt, von dem, was man vermag, trennt.
Vincent van Gogh
Auf dem Weg
braucht man Disziplin
gegenüber sich selbst.
Hat man seine Verantwortung erkannt,
so gilt es, sie zu erfüllen,
d.h. im Sinne dieser Verantwortung
gegenüber anderen und sich selbst
zu handeln.
Eben als ich alle Antworten des Lebens erfasst hatte,
änderte es die Fragen.
Anonymous
Die wahre Entdeckungsreise
besteht nicht darin, neue
Landschaften zu entdecken,
sondern mit neuen Augen zu sehen.
Marcel Proust
Hilel richtete drei Fragen an seine Schüler:
Wenn nicht ich es tue, wer soll es dann tun?
Wenn ich es nicht jetzt tue, wann soll ich es dann tun?
Wenn ich es nur um meiner selbst willen tue,
wer bin ich dann eigentlich?
Hilel, ein Zeitgenosse Christi
Wenn ihr aus zweien eins macht
und das Innere wie das Äußere,
dann werdet ihr das Königreich
des Himmels erlangen.
Jesus (Evangelium des Thomas)
Wer wächst, verliert den Schutz der Herde.
Anonymous
Hier ist die Wahrheit
Ich lache wenn ich höre,
dass dem Fisch dürstet im Wasser.
Du siehst nicht, dass zuhause die Wirklichkeit ist,
und du wanderst von Wald zu Wald lustlos!
Hier ist die Wahrheit!
Gehe hin, wo immer du willst, nach Benares oder Mathura –
Wenn du die eigene Seele nicht findest,
bleibt dir die Welt unwirklich.
Kabir
Ein Kamel wurde einmal gefragt,
ob es lieber bergauf oder bergab gehe.
Es antwortete:
„Mir ist es nicht wichtig, ob bergauf
oder bergab – auf die Last kommt es an!“
Was ist es und wo?
Ein Blinder ergreift den Rüssel eines Elefanten.
„Er ist eine Art Schlange.“ behauptet er.
„Das ist falsch.“ entgegnet der zweite Blinde schroff,
während er das Ohr des Elefanten liebkost,
„Er ist wie ein großes Blatt.“
„Unsinn“, schreit der dritte Blinde, während er ein Bein des Elefanten fest umschlingt.
„Er ist wie ein Baumstamm.“
„Nein, nein und nochmals nein!“ brüllt der vierte Blinde,
während er den Schwanz des Elefanten behutsam durch seine Hände gleiten läßt.
„Er ist so herrlich dünn wie ein Seil.“
„Ihr Schwärmer, was seid ihr doch alle verblendet.“
lacht der letzte Blinde, während er immer noch vergeblich tastend im Raum herumtorkelt.
„Hier ist nichts! Er ist nicht vorhanden. Es hat ihn nie gegeben.“
Anonymous
Das Kreuz und die Christen nahm ich
von allen Seiten in Augenschein. Er war nicht am Kreuz.
Ich ging zum Hindu-Tempel, zu der alten Pagode.
An beiden Orten fand ich keine Spur von ihm.
Ich ging zu den Höhen von Herat und nach Kandahar,
schaute mich um.
Er war nicht auf den Höhen und nicht in der Niederung.
Entschlossen stieg ich zur Spitze des Kaf-Berges.
Dort wohnte nur der Anqa-Vogel.
Ich ging zur Kaaba und traf ihn dort nicht.
Ich fragte Ibn Sina nach seinem Wesen.:
Er war jenseits der Definitionen des Philosophen Avicenna …
Ich schaute in mein eigenes Herz. An diesem Ort sah ich ihn.
Er ist an keinem anderen Ort…
Rumi
Die meisten Leute möchten Gott dienen –
aber nur als Berater.
Sunday Express, London
Nicht der Himmel,
die Erde ist das Maß.
Auf der anderen Seite mühen sich manche mit der Meditation, denen ich nur raten kann, die Augen erst einmal, statt sie zu schließen, wirklich zu öffnen und auf das Nächste zu schauen – ihren Nächsten – um ihm zu dienen.
Wollt ihr Gott finden, so dient den Menschen.
Gar zu viele reden Säcke voll Theologie, handeln aber nicht ein Körnchen danach, während der Weise wenig redet und sein Leben und Wirken lebendige Meditation und tätige Religion sein lässt.
Ramakrishna
Die höchste Weisheit
ist die Einheit der Dinge;
das höchste Mitgefühl
ist die Vielfalt der Dinge.
D.T. Suzuki (Zen-Meister)
Der Schüler: Kann jeder Gott schauen?
Der Meister: Ja.
Der Schüler: Kann ich Gott schauen?
Der Meister: Ja.
Der Schüler: Wer ist mein Führer, um Gott zu schauen?
Bedarf ich keines Führers?
Der Meister: Wer war dein Führer, um meine Einsiedelei zu schauen? Dank wessen Führung schaust du alle Tage die Welt? Gott ist dein Selbst, jenseits von Leib, Gemüt und Geist. Wie du selbst imstande bist, die Welt zu schauen, so wirst du auch imstande sein, dein eigenes Selbst zu schauen, wenn du mit heiligem Ernste darum ringst, – das Selbst allein ist dein Führer auf dieser Fahrt nach der Wahrheit.
Ramana Maharshi