Geführt, verführt … verkauft!

Geführt, verführt … verkauft!

Die Wirtgen Group hat dem Verkauf der gesamten Unternehmensgruppe an Deere & Company zugestimmt. Der international tätige, inhabergeführte Unternehmensverbund der Baumaschinenindustrie umfasst die traditionsreichen Marken Wirtgen, Vögele, Hamm, Kleemann und Benninghoven. Ich wohne in Windhagen, dem Hauptsitz des Unternehmens.

Ein starkes, gewachsenes, gesundes Familienunternehmen, das über Generationen in Familienhand auf 8.000 Mitarbeiter gewachsen ist, wird praktisch über Nacht verkauft. Ausgerechnet an ein amerikanisches Unternehmen. Mag sein, dass der Verkaufswert von über 4 Milliarden Euro zu verlockend war oder sonstige strategisch relevanten Faktoren dafür sprechen. Das ist es nicht, was mich schockierte, als ich diese Nachricht erhalten habe.

 

Was zählen Werte?

Was mich ärgert, ist, dass ein Unternehmen, was die Familienkultur hervorgehoben hat, das eine hohe Mitarbeiterbindung hat, wo Menschen über Generationen arbeiten, wo Loyalität kein hohles Wort war, sondern gelebt wurde und den Erfolg des Unternehmens ausmachte, dass so ein Unternehmen die eigenen Werte und das Vertrauen seiner Mitarbeiter verrät.

Denn nur eine kurze Roadshow am Vormittag der Bekanntgabe nebst einer Broschüre sollte die Mitarbeiter informieren und sie dazu bringen, die Entscheidung zu akzeptieren. Kurz darauf erfolgte schon die Pressemitteilung. Wurden wirklich alle Mitarbeiter informiert? Waren alle Führungskräfte in den Kommunikationsprozess eingebunden bzw. haben sie eine Chance erhalten sich der Verantwortung zu stellen? Wurde sichergestellt, dass wirklich niemand übersehen wird? Nein.

Stellen Sie sich mal für einen Moment in die Schuhe eines der vielen treuen Mitarbeiter in der Produktion. Es sind besondere Mitarbeiter: Sie verlassen sich einfach darauf, dass die Unternehmensführung hält, was sie verspricht. Jahrzehntelang war es nämlich so. Nicht einmal einen aktiven Betriebsrat gab es, denn Kampf war unnötig. Sie waren loyal dem Unternehmen gegenüber, wurden dafür gut bezahlt, die Firma tat immer etwas für ihre Leute. Das nennt sich psychologischer Arbeitsvertrag. Er ist nicht geschrieben, aber er existiert in stiller Übereinkunft.

In strukturschwachen Gegenden ist die Bindung an ein Unternehmen groß. Bei Wirtgen zu arbeiten war eine Ehre. Seit Jahren leisten die Mitarbeiter buchstäblich Schwerarbeit. Schon der Vater war meist sein Leben lang in dem Unternehmen gewesen. Die Straße, die an der Firma vorbeiführt, ist die Reinhard-Wirtgen-Straße. Alle sind stolz, Mitarbeiter dieses Unternehmens zu sein. Sie gehören zur Familie – und können sich darauf verlassen, dass man sich für sie verantwortlich zeigt.

Innerhalb eines Vormittags werden sie dann verkauft wie Leibeigene. Sie sind nur noch eine Produktionskapazität, die es auszulasten gilt. Mehr nicht. Zugehörigkeit, Familie, Treue? Plötzlich alles hohle Floskeln.

 

Sind Werte verkäuflich?

Ich frage mich: Was bewegt Führungskräfte so zu handeln, dass sie ihre Truppe derart im Stich lassen? Ist es wirklich die schiere Gier? Am Pranger steht die vollständige Abwesenheit des würdevollen Handelns einer Führungspersönlichkeit. Zu Beklagen ist der Verrat von Werten, für die eine Führungskraft einsteht: Integrität, Klarheit, Zuverlässigkeit, Ritterlichkeit! Jawohl, Ritterlichkeit. Das ist es was unserer Wirtschaft fehlt.

Die Wirtgens waren vielleicht keine Ritter, doch sie hatten was, wonach viele Führungskräfte so vergeblich suchen. Sie hatten, was die außergewöhnliche Leistung ihrer Mitarbeiter ermöglichte. Doch offenbar wussten sie nicht, dass sie es hatten. Es ist nicht durch Techniken, Tricks und Tools herstellbar. In Führungskräfte-Büchern sucht man vergeblich danach. Seminare vermitteln es nur selten bis nie. Sie hatten es…und warfen es weg. Denn es ist nicht verkäuflich. Vielleicht übertragbar, aber sicher nicht auf diese Weise.

Laut Presseinformationen besteht der Anlass des Verkaufs darein, keine Unternehmensnachfolge zu haben, um den Weg innerhalb der Familie weiterzuführen. Für die Beantwortung dieser Fragestellung wären der Familie noch 10-20 Jahre Zeit geblieben. Und es hätte viele Optionen gegeben.

 

Wofür lohnt es sich?

Wie werden jetzt die Mitarbeiter damit umgehen? Werden Sie streiken oder in sonstiger Art sich dagegen wehren, wie Vieh verkauft zu werden? Nein, denn das kennen sie gar nicht. Vielleicht halten sie sich zurück, ballen die Faust nur in der Tasche, hoffen das Beste. Vielleicht ist die Angst groß oder die Hoffnung oder einfach eine gewisse Bequemlichkeit, denn man musste ja bislang nie kämpfen. Und doch wird das Unternehmen bald spüren, das sich etwas verändert. Aus Familienmitgliedern, die sich für ihr Unternehmen einsetzten, werden Söldner. Aus treuen Anhängern werden verdingte Landknechte. Sie werden für Geld arbeiten. Nicht mehr und nicht weniger. Wenn sie irgendwo ein besseres Angebot bekommen, werden sie gehen.

 

Flagge zeigen!

Noch immer glauben viele, dass Menschlichkeit und Wirtschaftlichkeit sich ausschließen. Das tun sie nicht. Sie bedingen einander und Unternehmen, die dies weiterhin ignorieren, werden sich selbst gefährden. Verantwortung verpflichtet!

Die Unternehmen, die mutig für echte Führungsqualitäten einstehen wollen und damit Flagge zeigen in einer Welt, die den Menschen zu ignorieren scheint, für diese Unternehmen und ihre Führungskräfte kämpfe ich. So zeigt mir ein solches Geschehen wieder einmal mehr, warum ich tue, was ich tue. Selbst wenn Konrad Adenauer und Buddha mir in einem solchen Fall gemeinsam sagen würden: „Gib auf, du liegst falsch!“, würde ich mich nur wundern, dass auch sie sich irren können und ihnen antworten: „Wenn ihr nichts beizutragen habt, steht mir wenigstens nicht im Weg. Schert euch weg!“

Was ist es, was Wirtgen so leichtfertig weggeworfen hat? Was Mitarbeiter wie Führungskräfte so dringend benötigen? Was ist es, was Außergewöhnliches ermöglicht? Finden Sie es heraus und machen Sie sich dabei auf ein Abenteuer gefasst! Auch wenn Sie nicht Führungskraft sind, es hat Gültigkeit für Sie als Persönlichkeit und für die Verantwortung des Führens. Es gibt einen Weg. Haben Sie den Mut ihn zu finden, die Welt braucht Menschen wie Sie, die danach forschen!

 

Mit besten Grüßen,

Ihr

Marcus van Riet

 

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